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Fachbeitrag

Zukunft denken lernen – Wie systemische Methoden die Perspektive in der Erziehungsberatung erweitern
Ein Praxis- und Forschungsimpuls aus der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Meerbusch

Erziehungsberatung ist traditionell ein Ort, an dem Familien in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung finden. In den letzten Jahren begegnen uns zunehmend Anliegen, die nicht nur die Gegenwart betreffen, sondern auch die Zukunft: Unsicherheiten über Bildungswege, gesellschaftliche Veränderungen, Rollenbilder oder die Frage, wie Kinder in einem komplexen Umfeld sicher wachsen können. Häufig erleben wir, dass der Blick auf Schwierigkeiten so dominiert, dass Zukunft ausschließlich als Fortsetzung der Gegenwart erscheint. Wie kann Beratung Menschen helfen, wieder Zugang zu Gestaltungskraft, Hoffnung und innerer Bewegung zu finden?

Im Rahmen meiner Masterarbeit im Fach Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin (2024–2025) habe ich diese Frage untersucht und in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Meerbusch praktisch erprobt. Der Ansatz verbindet die klassische Zukunftswerkstatt mit systemischen Methoden, insbesondere Elementen der systemischen Aufstellungsarbeit, und zeigt: Zukunft kann gelernt, gestaltet und emotional erfahrbar werden.

Die Zukunftswerkstatt als Ausgangspunkt

Die Zukunftswerkstatt ist ein partizipatives Verfahren zur Entwicklung von Zukunftsbildern. Sie umfasst drei Phasen:
1. Kritikphase – Was stört oder verhindert Entwicklung?
2. Fantasiephase – Wie könnte es ideal sein?
3. Realisierungsphase – Was davon lässt sich umsetzen?

Sie ermöglicht die Bewegung vom Problemfokus hin zu lösungsorientierten Perspektiven. In der Praxis zeigte sich jedoch: Zukunftsbilder bleiben häufig abstrakt oder rational und verlieren Kraft, wenn sie emotional nicht spürbar sind. Visionen, die nicht erlebt werden, berühren weder Motivation noch Handlung.

Warum eine systemische Erweiterung notwendig war

Die zentrale Forschungsfrage lautete: Wie lässt sich Zukunft nicht nur denken, sondern emotional erschließen? Im Forschungsprozess zeigte sich deutlich: Veränderung entsteht dort, wo Zukunft körperlich erfahrbar wird, wenn Emotion, Körpergefühl und Vorstellung miteinander in Resonanz treten. Um diesen Zugang zu ermöglichen, integrierte ich Elemente der systemischen Aufstellungsarbeit in die Zukunftswerkstatt. So entstand ein erweitertes Format, das Zukunft nicht nur beschreibt, sondern fühlbar macht und den Möglichkeitshorizont öffnet. „Zukunft wird denkbar, wenn sie fühlbar wird.“

Die erweiterte Zukunftswerkstatt – Zukunft erleben, statt nur besprechen

Das Format folgt weiterhin den drei klassischen Phasen, setzt jedoch systemische Impulse:

  • Emotionale Standortbestimmung: z. B. durch Bodenanker oder Kurzaufstellungen („Wo stehe ich? Was fühlt sich eng an?“).
  • Embodied Zukunftsbilder: Visionen werden im Raum dargestellt, verkörpert und körperlich erlebt.
  • Systemische Resonanz: Teilnehmende treten in Beziehung zu Zukunftsbildern, spüren Energie, Widerstände oder Klarheit.
  • Ressourcenarbeit: Konkrete Schritte entstehen aus erlebter Handlungsfähigkeit, nicht aus abstrakten Plänen.

So entsteht ein Zugang, der Kopf, Herz und Körper einbezieht und Zukunft nicht nur denkbar, sondern spürbar macht.

Erkenntnisse aus der Forschung

Die abschließende qualitative Forschung bestätigte die Wirkung der Methode. Die Auswertung zeigte vier zentrale Effekte:

  1. Erweiterung des Möglichkeitshorizonts – Zukunft wurde als gestaltbar erlebt.
  2. Stärkung von Selbstwirksamkeit – Teilnehmende berichteten von innerer Handlungsfähigkeit.
  3. Emotionale Entlastung – körperlich erlebte Zukunft reduzierte Ohnmachtsgefühle.
  4. Verbundenheit – gemeinsame Zukunftsbilder förderten Motivation und Beziehung.

 

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Verbindung von Zukunftswerkstatt und Aufstellungsarbeit nicht nur in der psychosozialen Beratung wirksam ist, sondern auch in organisationalen Kontexten.

Über den Beratungsraum hinaus

In der Beratungsstelle Meerbusch wurde das Format zusätzlich mit dem Team durchgeführt. Dabei entstand ein gemeinsames Zukunftsbild: Spannungen konnten benannt, Ressourcen sichtbar gemacht und konkrete Schritte vereinbart werden. Die Methode eignet sich ebenso für Kooperationen mit Schulen, sozialen Trägern oder Netzwerkpartnern, um Entwicklungsprozesse nicht nur zu planen, sondern gemeinsam zu tragen und umzusetzen. Zukunft wird so zu einem geteilten Projekt, nicht zu einer Erwartung, die Einzelne allein bewältigen müssen.

Fazit: Zukunft ist eine Kompetenz

Die Erfahrungen in Meerbusch zeigen: Wenn Zukunft nicht nur besprochen, sondern erlebt wird, entsteht Veränderungsenergie. Erziehungsberatung kann so zu einem Ort werden, an dem Menschen nicht nur Lösungen für das Heute finden, sondern auch Mut, Vision und innere Bewegung für das Morgen entwickeln.

Literaturhinweise

Pienta, S. (2025). Integration der Systemischen Aufstellung in die Zukunftswerkstatt: Eine Untersuchung ihrer Wirkung auf die Erweiterung des Möglichkeitshorizonts im Denken über die Zukunft. Meerbusch.

Referent:in

Sandra Pienta
M.A. Zukunftsforschung (FU Berlin) B.A. Mentorin im Sozial- und Gesundheitswesen Syst. Familientherapeutin Staatlich anerkannte Erzieherin

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