Die Erziehungsberatung findet sich wieder in einem spannungsgeladenen Übergang von einer methodisch-technisch interpretierten Digitalisierung zu einer alltagsweltlichen Digitalität. Digitalisierung wird als Transformationsprozess verstanden, der analoge Strukturen – etwa die klassische Präsenzberatung in Beratungsstellen – in digitale Formate überführt, oft assoziiert mit Tools wie Apps (vgl. Rietmann/Sawatzki, 2019; Kutscher, 2018). Für die Erziehungsberatung sind digitalisierungstheoretische und -praktische Aspekte umfänglich beschrieben (vgl. Berg/Sawatzki, 2019). Diese implizieren jedoch meist eine technisch-methodische Orientierung, die virtuelle und reale Lebenswelten (noch) dichotom trennt: hier die „echte“ menschliche Begegnung, dort die „künstliche“ digitale Ergänzung. Kritisch lässt sich dies als „Dauerprozess“ beschreiben, der auch ein eher technikskeptisches Bild in Sozialer Arbeit und Jugendhilfe latent fortschreibt (vgl. Weinhardt, 2021a; 2021b).
Digitalität beschreibt hingegen einen erreichten Zustand, in dem digitale Dinge selbstverständlich in Alltagspraktiken integriert sind – ein „doing digitality“, bei der Bedeutung erst im Gebrauch entsteht (vgl. Weinhardt, 2023, S. 36f.). In der Erziehungsberatung manifestiert sich dies schon heute u. a. in hybriden Formaten wie z. B. Blended Counselling, wo physische und digitale Räume verschmelzen. Dies betrifft zunehmend auch das Beziehungserleben: Digitale Tools wie Sprachassistenten (z. B. Siri) oder Chatbots (z. B. Replika) werden als persönliche Beziehungen erlebt, die Vertrauen und Akzeptanz erzeugen, ohne tatsächlich menschlich zu sein (Weinhardt, 2023, S. 35f.). KI-basierte Unterstützungssysteme werden über Chatbots, Avatare und Selbsthilfetools sowohl für die Beratungsarbeit als auch für die Zielgruppen heutiger, professioneller Beratungsdienstleistungen zunehmend relevanter werden, wie auch aktuelle Veröffentlichungen belegen (Linnemann et al., 2025; Lehmann, 2025; Macsenaere, 2024).
Ist die Erziehungsberatung heute noch ein Ort „echter“ Beziehungen, oder wird sie bereits durch digitale Akteure erweitert, die die Grenzen zwischen Menschen und Maschine auflösen? Die Corona-Pandemie hat diesen Shift für Beratung zumindest beschleunigt (vgl. Lehmann, 2025), doch bleibt die Frage offen: Ist dies ein vorübergehender Impuls oder der Einstieg in eine „neue Normalität“? Oder droht gar der pragmatische „Rollback“? Für einen Ausblick ins Jahr 2056 wird weniger die Frage entscheidend sein, ob digitale Dinge wie KI genutzt werden, sondern wie sich mit ihnen persönlich erlebbare Beziehungen und verlässliche Unterstützungsarrangements herstellen lassen. Von Utopie bis Dystopie bleibt vieles denkbar und möglich.
Bis 2056 könnte die Erziehungsberatung in eine immersive, KI-gestützte Hybridität münden, die aktuelle Dichotomien aufhebt und Digitalität zur dominanten Kultur macht, u. a. mit zunehmender Immersion durch AR/VR (Mixed Reality), smarten KI-Chatbots und Angeboten einer „digitalen Beratungsstelle“, wo Präsenzformate völlig neu verhandelt werden müssen. Die Auflösung materieller Raumlogiken (vgl. Löw, 2019, S. 4f.) skizziert eine Welt, in der Beratung (theoretisch) überall und nirgends stattfinden kann. „Digitale Beratungsstellen“ können sich zu Knoten hybrider Versorgungsnetzwerke entwickeln (z. B. kooperativ-interdisziplinäres Cross Counseling, interkommunale Spezialisierung). Zugleich stellt sich die Frage: Was kann die analoge Beratung in 30 Jahren noch leisten, was die digitale nicht kann? Solche Fragen werden wir uns stellen müssen, wenn digitale Dinge ihren rein instrumentellen Charakter hinter sich lassen und zu potenziellen Mitakteuren einer als persönlich erlebten Beziehung werden (Weinhard, 2023, S. 35f.) – etwa eine KI, die bei Traurigkeit tröstende Worte findet oder eine depressive Jugendliche begleitet. Jede Beratungsstelle entwickelt ein situationssensibles Repertoire aus Präsenz-, Synchron- und Asynchronformaten. Nicht der Präsenz-Ersatz, sondern die bewusst gestaltete Kopplung physischer und digitaler Räume kann das Ziel sein.
Bis 2056 könnten Teilbereiche von Beratungsstellen in digitale Formate ausgelagert werden, in denen KI-Systeme nicht nur ergänzen, sondern bestimmte analoge Tätigkeiten sub-
stituieren (z. B. KI-basierte Clearings oder themenbezogene Erstberatungen). AR/VR-Technologien können helfen, reale und virtuelle Welten nahtlos zu verbinden. Dies birgt aktuell noch Utopiepotenzial: So könnte niedrigschwellige, ortsunabhängige Beratung für Familien in Randlagen mit personalisierten Algorithmen, die Bedürfnisse antizipieren, geschaffen werden. Mixed Reality (AR/VR) und haptische Interfaces normalisieren „verkörperte“ digitale Begegnungen. Der Unterschied zwischen Präsenz- und Onlineberatung wird somit situativ und graduell – nicht kategorial. KI stützt dann Vorbereitung, Strukturierung, Visualisierung, Reflexion und Nachsorge in Beratungsprozessen, damit Fachkräfte mehr Zeit und Ressourcen für die Arbeitsanteile haben, die sich nicht oder (auch ethisch) nur schwer KI-basiert lösen lassen. Die stärkere Einbindung von KI kann somit auch als elementare Chance betrachtet werden.
Doch auch dystopische Sorgen sind ernst zu nehmen wie z. B. eine Entgrenzung von Arbeit und Privatsphäre oder die Infragestellung fachlicher Autonomie und Professionalität. Denn eins sollte bereits heute klar sein: Gegen KI-basierte Wissensbestände kommt langfristig kein nicht-künstliches Wesen an. Oder anders: Die KI wird immer mehr wissen als die Beratungsfachkraft, aber wird sie auch mehr können? So oder so: Fachlichkeit wird sich stärker neu profilieren müssen, auch weil Wissen als Kategorie von Professionalität von Fachkräften der Erziehungsberatung als impliziter – ja vergleichsweise unwichtig – im Vergleich zu Können, Haltung oder gar Talent markiert wird (vgl. Sawatzki, 2024, S. 687). Dies birgt Chancen (z. B. Automatisierung von informatorischen Beratungstätigkeiten, Termin-, Kommunikations- und Organisationsmanagement) und Risiken (z. B. Identitätsverlust, Aufweichung von professioneller Autonomie) zugleich. KI fungiert in diesem Verständnis als Copilot für Fachkräfte. So liegt sichtbares Potenzial in Wissensmanagement und Entscheidungsunterstützung, etwa Zusammenfassungen, Klassifikationen, Themenidentifikation sowie aufbereitete methodische Hinweise. Fachkräfte erwarten Effizienzgewinne und methodische Unterstützung, bestenfalls ohne Autonomieverlust (vgl. Lehmann, 2025). Umso wichtiger scheint schon jetzt eine offene und kritische Auseinandersetzung mit KI-Potenzialen für Beratung und Jugendhilfe, wie z. B. die Unterstützung bei Gefährdungseinschätzungen (vgl. Macsenaere, 2024) oder der Reflexion von Hilfe- und Beratungsprozessen – insbesondere in textbasierten Onlineformaten (vgl. Lehmann, 2025).
Denkbar sind bis 2056 hoch immersive KI-Systeme, die Beratung revolutionieren: erweiterte AR/VR-Umgebungen, in denen Familien virtuelle Szenarien durchspielen, um Konflikte zu lösen – realistischer als heutige Videoberatung. Weinhardt (2023) skizziert „virtuelle Dialoge“ wie Deprexis, die interaktiv auf Bedürfnisse reagieren; bis 2056 könnten neuronale Netze emotionale Nuancen lernen und zunehmend „menschlich“ wirken (Weinhardt, 2023, S. 35f.).
Neue KI-Systeme können Antworten bieten, indem sie Beziehungen hybridisieren und Teilhabe an professionellen Unterstützungsformaten fördern, doch bleibt die Entwicklung ambivalent. Es ist für eine „digitale Erweiterung“ von Interaktionen zu plädieren, wo KI als Ergänzung dient – z. B. Chatbots, die erste Hilfestellungen geben und zu menschlicher Beratung leiten. KI-basierte Systeme wie z. B. Replika können echte emotionale Verbindungen schaffen, die die Problembewältigung erleichtern, ohne Fachkräfte zu ersetzen (Weinhardt, 2023, S. 37f.).
KI könnte somit Herausforderungen adressieren, indem sie personalisierte Utopien schafft – adaptive Algorithmen, die Familienkonflikte vorhersagen und präventiv intervenieren. Utopie und Dystopie sind jedoch keine technischen Zustände, sondern Resultate kollektiver Gestaltung der Beratungsfachpraxis. Wenn Erziehungsberatung Digitalität als Beziehungspraxis denkt, KI als Assistenz und professionelle Fachlichkeit als Rahmenprinzip, kann 2056 sehr viel innovativer und zugleich menschlicher werden und bleiben, als wir jetzt denken.
Berg, M. & Sawatzki, M. (2019). Erziehungsberatung und Digitalisierung.
Modernisierungszwang oder Status quo? Institutionelle und konzeptionelle Perspektiven. In: Rietmann, S., Sawatzki, M. & Berg, M. (Hrsg.). Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung? Wiesbaden: Springer VS, S. 179–204.
Kutscher, N. (2018). Soziale Arbeit und Digitalisierung. In: Otto, H.-U., Thiersch, H., Treptow, R. & Ziegler, H. (Hrsg.). Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Lehmann, R. (2025). KI in der Beratung. In: Linnemann, G., Löhe, J. & Rottkemper, B. (Hrsg.). Künstliche Intelligenz in der Sozialen Arbeit: Grundlagen für Theorie und Praxis. Weinheim: Beltz Juventa, S. 117–127.
Linnemann, G., Löhe, J. & Rottkemper, B. (Hrsg.) (2025). Künstliche Intelligenz in der Sozialen Arbeit: Grundlagen für Theorie und Praxis. Weinheim: Beltz Juventa.
Löw, M. (2019). Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Macsenaere, M. (Hrsg.) (2024). Künstliche Intelligenz in der Kinder- und Jugendhilfe. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Rietmann, S. & Sawatzki, M. (2019). Blogs, Apps und EB? Ein Digitalisierungsprojekt der Erziehungs- und Familienberatung. In: Rietmann, S., Sawatzki, M. & Berg, M. (Hrsg.). Digitalisierung und Beratung. Zwischen Bewahrung und Befähigung? Wiesbaden: Springer VS, S. 371–379.
Sawatzki, M. (2024). Adressierung und Professionalität in der Erziehungsberatung: Eine qualitative Analyse habitualisierter Selbstverständnisse von Berater:innen in Teams der Erziehungsberatung. Dissertation. Münster: Universität Münster. https://miami.uni-muenster.de/Record/64461221-e4da-4179-aac2-3b3fba2719c9.
Weinhardt, M. (2021a). Digitalität und Digitalisierung in der psychosozialen Beratung. Überlegungen zum digitalen Wandel der Beratungskultur. In: Erbring, S. & Fischer, J. (Hrsg.). Zukunft der Beratung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S. 76–86.
Weinhardt, M. (2021b). Sozialpädagogische Digitalität und Doing Digitality: Zu den digitalen Sachen selbst. URL: https://marcweinhardt.de/sozialpaedagogische-digitalitaet-und-doing-digitality-zu-den-digitalen-sachen-selbst/ [Stand: 12.01.2024].
Weinhardt, M. (2022). Ausgeblended: Analytische Perspektiven auf Räume der Beratung im Zeitalter der Digitalität. URL: https://marcweinhardt.de/ausgeblended-analytische-perspektiven-auf-raeume-der-beratung-im-zeitalter-der-digitalitaet/ [Stand: 04.07.2022].
Weinhardt, M. (2023). Persönliche Beziehungen und digitale Dinge. Das Beispiel Beratung. In: Österreichisches Jahrbuch für Soziale Arbeit 1, 1, S. 35–53.
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