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Fachbeitrag

Familien jenseits der Zweiernorm: Leben und Aufwachsen in Polyfamilien

In den vergangenen Jahren lässt sich ein deutlicher Wandel in der Beziehungslandschaft beobachten. Viele Menschen suchen nach Formen des Zusammenlebens, die ihren Bedürfnissen nach Nähe, Autonomie und Authentizität besser entsprechen. Monogame Zweierbeziehungen bleiben weiterhin das dominante Modell, doch offene und polyamore Beziehungen gewinnen zunehmend an Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Relevanz.

Kinder wachsen heute in sehr unterschiedlichen Familienkonstellationen auf – polyamore Strukturen sind ein Teil dieser Realität. Damit rücken Polyfamilien auch in der Erziehungs- und Familienberatung stärker in den Blick. Für Fachkräfte wird es zunehmend wichtiger zu verstehen, wie diese Familien leben, welche Erfahrungen Kinder darin machen und welche Bedingungen sie für eine gelingende Entwicklung benötigen.

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Polyfamilien und den aktuellen Forschungsstand zu ihren Auswirkungen auf Kinder. Er zeigt, welche Rolle Kommunikation, Verlässlichkeit und Beziehungsqualität in diesen Strukturen spielen und wie Fachkräfte Polyfamilien in Beratungsprozessen achtsam, affirmativ und professionell begleiten können.

Was sind einvernehmliche Mehrpersonenbeziehungen?

Beziehungsmodelle jenseits der Monogamie sind vielfältig, werden unterschiedlich verstanden und häufig nicht klar voneinander abgegrenzt. Übergänge zwischen einzelnen Modellen sind fließend und können sich im Verlauf von Beziehungen verändern. Der Oberbegriff einvernehmliche bzw. konsensuelle Mehrpersonenbeziehungen umfasst Beziehungsmodelle, in denen emotionale und/oder sexuelle Kontakte mit weiteren Personen möglich sind – stets auf der Grundlage von Wissen und Zustimmung aller Beteiligten. Der häufig verwendete Begriff der konsensuellen Nicht-Monogamie ist sprachlich insofern problematisch, als er Monogamie zur Norm erhebt und alternative Modelle darüber beschreibt, was sie nicht sind. Grob lassen sich drei Modelle unterscheiden:

  • Offene Beziehungen: Eine primäre Zweierpartnerschaft bleibt bestehen; sexuelle Kontakte mit weiteren Personen sind nach Absprache möglich.
  • Swinging: Sexualität mit Dritten wird gemeinsam erlebt, meist in spezifischen Kontexten wie Clubs oder Partys.
  • Polyamorie: Mehrere emotionale und/oder sexuelle Beziehungen werden parallel gelebt. Die Beteiligten verstehen sich häufig als Beziehungssystem, in dem unterschiedliche Qualitäten von Nähe, Intimität und Verbindlichkeit möglich sind.

 

Während offene Beziehungen und Swinging vor allem sexuelle Aspekte betreffen, beschreibt Polyamorie ein Modell, das emotionale Verbundenheit zwischen mehreren Menschen einschließt. Eine zentrale Leitidee besteht darin, Liebe nicht als begrenzte Ressource zu verstehen. Zugleich bleiben Zeit, Energie und Aufmerksamkeit natürlich begrenzt. Viele polyamor lebende Menschen berichten daher, dass Organisation, Prioritätensetzung und achtsame Kommunikation entscheidend sind, um allen Beteiligten gerecht zu werden und Überlastung zu vermeiden.

Repräsentative Studien aus Nordamerika schätzen, dass rund 4–5 % der Bevölkerung aktuell in einer einvernehmlichen Mehrpersonenbeziehung leben und etwa ein Fünftel bereits entsprechende Erfahrungen gemacht hat (Fairbrother et al., 2019; Levine et al., 2018). Für Deutschland ist die Forschungslage bislang begrenzt, doch vorhandene Daten weisen in eine ähnliche Richtung: In einer repräsentativen Erhebung gaben 14 % der Männer und 7 % der Frauen an, schon einmal in einer offenen Beziehung gelebt zu haben – häufiger jüngere Menschen und Bewohner*innen urbaner Regionen (ElitePartner, 2023).

Welche Dynamiken prägen polyamore Beziehungen?

Die meisten Menschen wachsen in einer Kultur auf, in der Monogamie und Heterosexualität als selbstverständlich gelten. Schon die Märchen unserer Kindheit erzählen ein eindeutiges Liebesskript: Liebe ist exklusiv, lebenslang und heterosexuell. Dornröschen darf erst erwachen, wenn der richtige Prinz sie erlöst; Schneewittchen wird vom Retter entdeckt, gerettet und beansprucht; und dem tapferen Schneiderlein fällt die Königstochter als Belohnung zu. Solche Geschichten prägen früh die Vorstellung, dass romantische Liebe etwas ist, das man findet, gewinnt oder verdient, und dass es dafür nur ein einziges richtiges Gegenüber gibt. Für viele passt dieses Skript gut. Zugleich entdecken immer mehr Menschen, dass alternative Beziehungsmodelle besser zu ihren Bedürfnissen und ihrer Lebenswirklichkeit passen.

Einvernehmliche Mehrpersonenbeziehungen eröffnen manchen die Möglichkeit, Nähe, Sexualität und Bindung nicht auf eine Partnerschaft zu begrenzen, sondern auf mehrere verlässliche Beziehungen zu verteilen. Solche Beziehungssysteme sind oft dynamisch: Neue Verbindungen entstehen, andere verändern sich oder enden, Übergänge wollen aktiv gestaltet werden. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher emotionaler Erfahrungen – Verbundenheit hier, Abschied dort, Verliebtheit an anderer Stelle – verlangt emotionale Verarbeitung, offene Kommunikation und Selbstfürsorge. Mit mehr Beteiligten steigen Interdependenzen und damit die Komplexität des Beziehungssystems.

Zufriedenheit in Liebesbeziehungen hängt nicht vom Beziehungsmodell ab. Eine Meta-Analyse von 35 Studien mit fast 25.000 Teilnehmenden (Anderson et al., 2025) zeigt, dass sich monogame, polyamore, offene und Swinger-Beziehungen hinsichtlich ihrer Beziehungszufriedenheit nicht unterscheiden. Alle Beziehungsmodelle können erfüllend – oder belastend – sein. Entscheidend ist also weniger die Struktur der Beziehung als die Qualität der zugrunde liegenden Prozesse. Für gelingende offene oder polyamore Beziehungen sind drei Aspekte zentral (Hangen et al., 2020): (a) freiwillige, informierte Zustimmung zu den zentralen Beziehungsvereinbarungen, (b) offene, kontinuierliche Kommunikation über Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse sowie (c) emotionale Sicherheit und Stimmigkeit mit dem gewählten Beziehungsmodell, auch dann, wenn Unsicherheiten, Eifersucht oder Verlustgefühle auftauchen. Genau diese Merkmale unterscheiden einvernehmliche Mehrpersonenbeziehungen von Fremdgehen: Während nicht-einvernehmliche Parallelbeziehungen auf Täuschung beruhen, basieren polyamore Strukturen auf Transparenz, Aushandlung und Respekt. Werden Absprachen unklar, Kommunikation vermieden oder Unsicherheiten nicht aufgefangen, entsteht Beziehungsstress. Wie gut Menschen damit umgehen, hängt von ihren emotionalen, relationalen und sozialen Ressourcen – und von ihrer Motivation ab, Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Wer lebt polyamor?

Menschen, die polyamor oder offen leben, unterscheiden sich weniger von monogam lebenden Personen, als häufig angenommen wird (Bröning & Mazziotta, 2026). Der bisherige Forschungsstand zeigt keine systematischen Zusammenhänge zwischen Beziehungsmodell und Bildung, sozialem Status, politischer Orientierung oder Einkommen. Vielmehr verbinden Menschen in Mehrpersonenbeziehungen eine Bereitschaft, normative Vorgaben zu hinterfragen, sowie den Wunsch nach Beziehungsmodellen, die Verbundenheit mit persönlicher Freiheit kombinieren.

Wie entstehen Polyfamilien?

Polyfamilien entstehen auf sehr unterschiedliche Weise. Gemein ist ihnen, dass mehrere Erwachsene in emotionalen oder partnerschaftlichen Beziehungen miteinander verbunden sind und Verantwortung im Familienalltag übernehmen. Sie erweitern das klassische Verständnis von Familie, indem sie soziale Bindungen, emotionale Nähe und geteilte Werte stärker gewichten als biologische Verwandtschaft oder traditionelle Elternrollen. Solche Familienstrukturen sind vielfältig: Sie reichen von kleinen, stabilen Triaden bis hin zu weit verzweigten, multifamiliären Beziehungsnetzwerken.

Manche Polyfamilien entstehen bewusst und langfristig geplant – ähnlich wie viele Regenbogenfamilien. Erwachsene klären früh, wie Rollen verteilt werden, wie Verantwortung getragen wird und welche Form des Zusammenlebens gewünscht ist. Diese Rollen und Erwartungen werden häufig explizit und transparent ausgehandelt, statt sich – wie in vielen traditionellen Familien – eher implizit zu ergeben. Das betrifft sowohl das Verständnis biologischer und sozialer Elternschaft als auch die alltägliche Aufteilung von Sorge- und Erziehungsaufgaben. Andere Polyfamilien entwickeln sich schrittweise: wenn Eltern eine bestehende Partnerschaft öffnen, neue Beziehungspersonen dazukommen oder eine polyamore Beziehung über die Zeit in ein Familiensystem hineinwächst. In solchen Veränderungsprozessen müssen Routinen, Zuständigkeiten, Loyalitäten und Alltagsstrukturen neu verhandelt werden. Herausfordernd kann sein, die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste der Kinder im Blick zu behalten, während Erwachsene selbst emotional in ihre Beziehungen involviert sind.

Wie geht es Kindern in Polyfamilien?

Kinder, die in Polyfamilien aufwachsen, können in vielerlei Hinsicht profitieren, erleben jedoch auch spezifische Herausforderungen, vor allem durch gesellschaftliche Reaktionen und unklare rechtliche Rahmenbedingungen (Bröning & Mazziotta, 2026).

Polyfamilien legen häufig großen Wert auf Autonomie, Selbstbestimmung und dialogische Erziehung. Kinder werden ermutigt, altersgerechte Entscheidungen zu treffen, Bedürfnisse zu benennen und eigene Grenzen wahrzunehmen. Durch mehrere vertraute Bezugspersonen können sie intensive Zuwendung erfahren und von unterschiedlichen Perspektiven, Kompetenzen und Rollenmodellen profitieren.
Trotz dieser Ressourcen können Kinder Herausforderungen erleben. Wie in Patchwork-Familien oder nach Trennungen monogamer Eltern besteht die Möglichkeit, dass wichtige Bezugspersonen wegfallen, wenn Beziehungen enden oder Kontakte abbrechen. Werden Übergänge jedoch transparent gestaltet, Abschiedsrituale ermöglicht und die verbleibenden Beziehungen stabil gehalten, können Kinder solche Veränderungen in der Regel gut bewältigen. Auch innerfamiliäre Konflikte, etwa Konkurrenz zwischen Geschwistern oder Eifersuchtsdynamiken, sind möglich, insbesondere wenn neue Beziehungspersonen oder Kinder hinzukommen.

Spannungsfelder zeigen sich auch bei der Frage, wie offen Polyfamilien mit ihrem Beziehungsmodell umgehen. Das Coming-out gegenüber Kindern ist ein sensibler, oft emotionaler Prozess. Offenheit kann Vertrauen stärken, Sicherheit vermitteln und dazu beitragen, dass Kinder ihre Familie als authentisch und verlässlich erleben. Gleichzeitig kann sie Kinder stärker mit gesellschaftlichen Reaktionen konfrontieren. Viele Kinder wünschen sich vor allem Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz; sie geraten in Konflikte, wenn Außenstehende ihr Familienmodell irritiert oder abwertend kommentieren.

Bei jüngeren Kindern zeigt sich, dass Geheimhaltung kaum realistisch ist – sie erzählen unbefangen aus ihrem Alltag, ohne die gesellschaftliche Brisanz zu kennen. Ältere Kinder und Jugendliche wiederum empfinden es häufig als belastend, ein Familiengeheimnis bewahren zu müssen. Kindern fehlen manchmal auch passende Begriffe, um ihre Familiensituation zu beschreiben, und sie sind unsicher, wie sie neue Beziehungspersonen ihrer Eltern einordnen sollen. Diese Unsicherheiten und Belastungen entstehen meist nicht aus der polyamoren Struktur selbst, sondern aus dem Kontrast zwischen ihrer gelebten Realität und den monogamen Erwartungen der Umwelt.

Kinder benötigen deshalb Unterstützung im Umgang mit Reaktionen von außen – durch vertrauensvolle Gespräche in der Familie, entlastenden Austausch mit anderen Kindern aus vielfältigen Familienkonstellationen oder durch stabile erwachsene Bezugspersonen im Umfeld, etwa Lehrkräfte, Verwandte oder Trainer*innen. Entscheidend ist, klar zu vermitteln: Nicht die Familie ist das Problem, sondern die gesellschaftlichen Normen, die bestimmte Beziehungsmodelle als anders markieren. Diese Last wird leichter, wenn Kinder erleben, dass es Menschen gibt, die ihre Familie akzeptieren, schützen und positiv bestätigen.

Rechtlich wird in vielen Ländern – darunter Deutschland – weiterhin ausschließlich das Zwei-Eltern-Modell anerkannt. Erwachsene, die in Polyfamilien zentrale Sorgearbeit leisten, sind häufig nicht abgesichert. Dadurch kann es passieren, dass eine wichtige Bezugsperson kein Mitsprache- oder Vertretungsrecht hat, etwa bei Fragen des Wohnortes, der medizinischen Versorgung oder schulischer Entscheidungen. Kommt es zu Trennung, Umzug oder Erkrankung, kann ein Kind den Kontakt zu einer vertrauten Bezugsperson verlieren, obwohl diese im Alltag eine tragende Rolle spielt. Rechtliche und institutionelle Normen stimmen damit oft nicht mit den tatsächlichen Lebensrealitäten vieler Familien überein.

Insgesamt deuten die Befunde darauf hin, dass die Entwicklung und das Wohlbefinden von Kindern nicht vom Familien- oder Beziehungsmodell abhängen, sondern von der Qualität der Beziehungen, der Verlässlichkeit der Erwachsenen und der Stabilität des Alltags (Bröning & Mazziotta, 2026). Kinder brauchen Zuwendung, Schutz, verlässliche und altersgerechte Strukturen sowie das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Chronischer Stress, Ressourcenmangel, ungelöste Konflikte oder instabile Beziehungen wirken sich hingegen nachweislich negativ auf ihre Entwicklung aus, unabhängig davon, ob sie in einem monogamen, polyamoren oder patchworkhaften Familienmodell leben.

Beratungsperspektiven: Was brauchen Polyfamilien?

Polyfamilien bringen vielfältige Ressourcen und Beziehungserfahrungen mit – zugleich begegnen sie im Alltag ähnlichen Themen wie andere Familien: Übergänge und neue Beziehungspersonen, Rollen- und Verantwortlichkeitsklärung, Kommunikationsschwierigkeiten, Fragen nach emotionaler Sicherheit, Erziehungsunsicherheiten, Belastungen durch das soziale Umfeld oder Konflikte mit der Herkunftsfamilie. Gerade deshalb ist eine gründliche Auftragsklärung zentral. Fachkräfte sollten nicht vorschnell annehmen, dass das polyamore Beziehungsmodell der Kern des Problems sei. Entscheidend ist vielmehr zu klären, welches Anliegen die Familie mitbringt und was sie in ihrer aktuellen Situation konkret unterstützt.

Hilfreich ist eine Haltung der respektvollen Offenheit (Mazziotta & Bröning, 2024; Orlowski et al., 2025): lernbereit, selbstreflexiv, frei von vorschnellen Bewertungen und geprägt von der Bereitschaft, die Perspektiven der Klient*innen ernst zu nehmen. Eine solche Grundhaltung schafft Vertrauen, besonders dann, wenn Menschen unsicher sind, ob ihr Beziehungsmodell akzeptiert wird. Gleichzeitig braucht es eine informierte Naivität. Berater*innen sollten Grundkenntnisse über Mehrpersonenbeziehungen besitzen, aber nicht annehmen, bereits zu wissen, was bestimmte Begriffe, Rollen oder Dynamiken für die Beteiligten bedeuten. Subjektive Bedeutungen werden erst im Dialog sichtbar. Fragen, erkunden, gemeinsam klären – so entsteht ein Beratungsprozess, der den individuellen Lebenskontext berücksichtigt, ohne stereotype Zuschreibungen oder mononormative Vorstellungen zu reproduzieren.

Viele Polyfamilien profitieren davon, wenn Beratung bewusst einen mutigen Raum eröffnet, in dem auch schwierige Themen Platz haben: Machtungleichgewichte, Eifersucht, widersprüchliche Bedürfnisse, unausgesprochene Erwartungen oder strukturelle Abhängigkeiten. Fachkräfte unterstützen, indem sie Ambivalenzen normalisieren, Perspektiven ordnen und Kommunikationsprozesse klar strukturieren. Dies gelingt besonders dann, wenn eine tragfähige Arbeitsbeziehung etabliert ist und alle Beteiligten erleben, dass ihre Sichtweisen gehört werden.

Für Kinder ist es bedeutsam, Orientierung zu erhalten. Sie brauchen klare Bezugspersonen, verlässliche Regeln und ein Gefühl dafür, wie sie über ihr Familienmodell sprechen können. Beratung kann Kindern Raum für eigene Fragen eröffnen und ihnen helfen, Worte für ihre Situation zu finden, ohne sie zu überfordern. Mit den Eltern lässt sich reflektieren, wie Offenheit und Privatsphäre im Alltag gestaltet werden können – etwa bei Coming-out-Situationen innerhalb der Familie oder gegenüber Schule, Freundeskreis und Institutionen.

Die Lebensrealität polyamorer Familien ist häufig komplex: Mehrere Erwachsene teilen sich Sorgearbeit und emotionale Verantwortung; Dynamiken verändern sich, wenn neue Beziehungen entstehen oder andere enden. Für die Beratung bedeutet das, zunächst relevante Bezugspersonen zu identifizieren und sichtbar zu machen, welche Verantwortlichkeiten, Absprachen und Erwartungen zwischen ihnen bestehen. Ebenso wichtig ist der Blick auf das erweiterte System – Ex-Beziehungspersonen, Großeltern, Bezugspersonen der Kinder, Schule, Jugendhilfe oder weitere Institutionen. Deren Erwartungen und Entscheidungen prägen die familiäre Dynamik oft ebenso stark wie die Prozesse im Haushalt. Um diese Vielschichtigkeit zu erfassen, ist es hilfreich, das Auftragskarussell offenzulegen: Wer hat welchen Auftrag an die Beratung? Welche Bedürfnisse, Loyalitäten oder Belastungen stehen dahinter – und welche Stimmen fehlen noch? Soziometrische und ökologische Methoden unterstützen dabei, Beziehungen, Nähe-Distanz-Verhältnisse, Subsysteme und relevante Einflussfaktoren sichtbar zu machen. Sie ermöglichen es, Übergänge wie neue Partnerschaften, Trennungen oder Rollenveränderungen gezielt zu begleiten und kindliche Perspektiven als eigenständige Stimmen einzubeziehen. Erst wenn das gesamte System verständlich geworden ist, lassen sich Veränderungsimpulse entwickeln, die tragfähig, alltagsnah und für alle Beteiligten wirksam sind.

Fazit

Polyfamilien sind kein Ausnahmefall, sondern ein Teil der heutigen Familienvielfalt. Für die Beratungsarbeit bedeutet das vor allem, vertraute Prinzipien konsequent anzuwenden: Haltung vor Technik, Verstehen vor Bewerten, Auftragsklärung vor Intervention. Wenn Fachkräfte Polyfamilien nicht an ihrer Struktur, sondern an ihren Ressourcen, Herausforderungen und Bedürfnissen orientiert begleiten, entsteht ein Rahmen, in dem Kinder wie Erwachsene Sicherheit, Klarheit und Unterstützung erleben können.

Literaturhinweise

Anderson, J. R., Hinton, J. D. X., Bondarchuk-McLaughlin, A., Rosa, S., Tan, K. J. & Moor, L. (2025). Countering the Monogamy-Superiority Myth: A Meta-Analysis of the Differences in Relationship Satisfaction and Sexual Satisfaction as a Function of Relationship Orientation. In: The Journal of Sex Research, 63.
Bröning, S. & Mazziotta, A. (2026). Vielfältige Liebe. Polyamorie gestalten. Springer.
ElitePartner (2023). ElitePartner Studie 2023: So liebt Deutschland. https://www.elitepartner.de/studien/download/
Fairbrother, N., Hart, T. A. & Fairbrother, M. (2019). Open relationship prevalence, characteristics, and correlates in a nationally representative sample of Canadian adults. In: Journal of Sex Research, 56, S. 695–704.
Hangen, F., Crasta, D. & Rogge, R. D. (2020). Delineating the boundaries between nonmonogamy and infidelity: Bringing consent back into definitions of consensual nonmonogamy with latent profile analysis. In: The Journal of Sex Research, 57, S. 438–457.
Levine, E. C., Herbenick, D., Martinez, O., Fu, T. C. & Dodge, B. (2018). Open relationships, nonconsensual nonmonogamy, and monogamy among US adults: Findings from the 2012 national survey of sexual health and behavior. In: Archives of Sexual Behavior, 47, S. 1349–1450.
Mazziotta, A. & Bröning, S. (2024). Hilfreich oder schwierig? Erfahrungen queerer Menschen in Beratung und Therapie. In: Psychotherapeutenjournal, 23, S. 366–379.
Orlowski, O. W., Moeyaert, M., Monley, C. & Redden, C. (2025). The effects of cultural humility on therapeutic alliance and psychotherapy outcomes: A systematic review and meta-analysis. In: Counseling and Psychotherapy Research, 25, e12835.

Referent:in

Prof. Dr. phil. Agostino Mazziotta
FH Münster, Fachbereich Sozialwesen, Lehrgebiet Diversität und Community Work

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