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Fachbeitrag

Der Stand der Dinge – das Ausbauprogramm der Spezialisierten Beratung im Fokus

Seit Ende 2023 sind die durch das Ministerium NRW (MKJFGFI) zusätzlich finanzierten Stellen der Spezialisierten Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nun besetzt und gehen ihrer Tätigkeit nach. Zwei Jahre sind seitdem vergangen, und dies ist ein junger und gleichzeitig angemessener Zeitpunkt, um einen Blick auf den Ist-Stand, auf die Erfolge, aber auch auf die Herausforderungen in der Praxis zu werfen.

Bereits jetzt lässt sich beobachten, dass es viele Beispiele für gelungene Kooperationen, gemeinsame Aktionen von einzelnen Fachkräften und neue Ideen und Entwicklungen gibt – etwa zu Arbeitshilfen für die Spezialisierte Beratung. Es ist beeindruckend, zu beobachten und zu erleben, mit welch einer Hartnäckigkeit und Mut zur Haltung die Fachkräfte tätig sind. Sie leisten umfassende Hilfestellungen bei der Präventionsarbeit, indem sie etwa über Täterstrategien aufklären und Fachkräfte anderer Disziplinen sowie Betroffene in konkreten Fällen beraten und bei Kriseninterventionen unterstützen. Sie sind hoch motiviert, Hebel in Bewegung zu setzen, um neue Strukturen zu schaffen und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Hier setzt auch das Angebot der beiden Fachberatungen der Familienunterstützenden Leistungen des LVRs/LWLs an, die in der Kooperation mit dem Ministerium für die Fachkräfte der Spezialisierten Beratung über das Ausbauprogramm zuständig sind. Zwei große Arbeitskreise in der Kooperation mit der PsG, verschiedene Fortbildungsangebote und Formatreihen wie „ASD meets Spezialisierte Beratung“ sollen dazu dienen, die Fachkräfte in ihrer Tätigkeit zu stärken und zu stützen. Ein jüngst zurückliegender Fachtag nur für die Spezialisierte Beratung mit dem Schwerpunkt „Rechtskenntnisse bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ war nicht nur sehr gefragt, sondern zeigte am Tag selbst, wie wichtig der gemeinsame Austausch ist – fachintern, aber insbesondere mit anderen Disziplinen wie etwa der Justiz. Gleichzeitig war es für die Fachkräfte eine überregionale Möglichkeit, sich über die Qualität der eigenen Arbeit auszutauschen und fachliche Impulse mitzunehmen.

Kinderschutz gelingt bekanntermaßen insbesondere dann, wenn sich die verschiedenen Professionen an den jeweiligen Schnittstellen austauschen und voneinander wissen. Das wird durch verschiedene Konzepte wie etwa das Landeskinderschutzgesetz unterstützt. Mit steigender Bekanntheit des jeweils vor Ort existierenden Angebots wächst die Nachfrage nach der Spezialisierten Beratung stark. Aktuelle Entwicklungen verunsichern Fachkräfte, Eltern wie auch Betroffene, insbesondere die „neuen“ Formen von sexualisierter Gewalt im Kontext von (sozialen) Medien und KI. Hier brauchen nicht nur pädagogische Fachkräfte der verschiedensten Fachrichtungen Begleitung und Aufklärung für einen angemessenen Umgang, sondern auch Eltern, Kinder und Jugendliche – ob betroffen oder nicht. Der enorme Bedarf wiederum erzeugt weitere Anforderungen an die Fachkräfte der Spezialisierten Beratung.

Zudem gibt es weitere Aspekte, die im Arbeitsalltag zusätzliche Anforderungen mit sich bringen. Da die Fachkräfte in den meisten Fällen an eine Erziehungsberatungsstelle angegliedert sind und teilweise als einzige Fachkraft in der jeweiligen Beratungsstelle tätig sind, besteht nicht immer die Möglichkeit zu einem regelmäßigen fachspezifischen Austausch im eigenen Team. Dabei ist dieser Austausch ein wichtiger Bestandteil der Psychohygiene sowie ein Qualitätssicherungsmerkmal für die Spezialisierte Beratung (vgl. BKFS). Der notwendige Austausch mit externen Fachkräften erfordert daher eine entsprechende organisatorische Planung.

Auch die Zusammenarbeit mit etwa dem ASD als einem zentralen Partner der täglichen Arbeit gestaltet sich in der Praxis unterschiedlich und bindet – je nach Fallkonstellation – zusätzliche Ressourcen. Die Tätigkeit gilt insgesamt als fachlich anspruchsvoll: zum einen aufgrund der Auseinandersetzung mit der erfahrenen Gewalt der Betroffenen, zum anderen aufgrund der sensiblen Beratungskontexte, die ein hohes Maß an Feinfühligkeit und Professionalität erfordern. Hinzu kommen umfassende Kenntnisse über Kinderschutzverfahren und rechtliche Rahmenbedingungen sowie besondere beraterische Kompetenzen. Vor diesem Hintergrund wird aus dem Feld berichtet, dass die Besetzung offener Stellen und die Bindung von Fachkräften teilweise herausfordernd sind. Von außen lässt sich zudem beobachten, dass zwischen den Fachkräften der Spezialisierten Beratung des Ausbauprogramms und den spezialisierten Fachberatungsstellen in einzelnen fachlichen Fragen unterschiedliche Einschätzungen bestehen. Solche Unterschiede sind in einem sich im Aufbau befindlichen Feld nachvollziehbar, auch wenn sie für die Qualitätssicherung in der Praxis weiterentwickelt werden müssen.

Insgesamt bleibt ein umfangreicher Arbeitsauftrag, der weiterhin gemeinsam und kontinuierlich verfolgt wird. Zugleich zeigt sich, dass das Ausbauprogramm der Spezialisierten Beratung ein wertvolles, wachsendes und sich stetig weiterentwickelndes Instrument im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche darstellt. Der Anfang ist gemacht – nun gilt es, den eingeschlagenen Weg gemeinsam fortzuführen und mit den Beratungsstellen, den Fachberatungsstellen und den Fachkräften weiter an einem Strang zu ziehen – auch interdisziplinär. Nur so kann gelebter Kinderschutz funktionieren, sich stärken und langfristig bestehen.

Referent:in

Samira Schiller
M.A. Erziehungswissenschaften Syst. Beraterin, Supervisorin (dgfs), Marte Meo-Therapeutin und -Trainerin, Kinderkrankenschwester

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