Bilder: Bernd Reiners

Fachbeitrag

Das Spielgespräch in der Erziehungsberatung

Das Spielgespräch hilft Klient*innen, äußere Situationen oder innere Konflikte zu visualisieren und so besser zu verstehen. In einem Dialog über das Gezeigte können zudem spielerisch Ideen zu anderen Sicht- oder Verhaltensweisen entwickelt werden.

Martin Soltvedt (2005) entwickelte das Spielgespräch für Jugendliche. Es ist aber auch für Kinder (ab ca. 5 Jahre) und Erwachsene geeignet. Man benötigt Figuren (aus Holz, aber auch andere) und etwas Tape (oder Papierbogen mit Stiften). Bauklötze, Autos, Spielbäume etc. können das Material ergänzen. Gefühlsfiguren (Gesichter mit verschiedenen Emotionen) sind häufig sinnvoll.
Das Spielgespräch wird überall dort eingesetzt, wo Worte nicht genügen: in der Beratungsstelle, der Schule, im Jugendamt, in der Psychiatrie, bei Menschen mit Migrationshintergrund oder Intelligenzminderung, in der Traumatherapie etc. Die Klient*innen können sich mit dem Spielgespräch Situationen zeigen lassen, aber auch selbst etwas zeigen, z. B. was sie bisher von einer Situation verstanden haben, den Ablauf des begleiteten Besuchskontakts oder ähnliches. Wenn im Gesprächsverlauf eine Situation nicht verstanden wird und/oder besonders wesentlich für die Beratung erscheint, kann das Spielgespräch spontan eingesetzt werden. Die zu zeigende Situation sollte möglichst konkret benannt werden. Bei sehr belastenden Situationen kann das Spielgespräch vorher mit einer „harmlosen“ Situation ausprobiert werden. Um eine kurze Situation zu zeigen, benötigt man mit Auf- und Abbau mindestens 15 Minuten, will man Alternativen „erspielen“, etwa die doppelte Zeit.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel:
Frau Golan, alleinerziehende Mutter der siebenjährigen Linn und des neunjährigen Lukas, berichtete, dass ihre Kinder fast täglich heftig stritten. Dabei sei es schon zu vielen blauen Flecken und Kratzspuren gekommen. Linn sei ihrem Bruder total unterlegen, Lukas hingegen komme sehr nach dem Vater, der Frau Golan auch immer wieder geschlagen habe, was letztlich auch zur Trennung geführt habe. Im letzten Streit habe Lukas Linn mit der Tür vor den Kopf geschlagen. Frau Golan sei sofort mit ihr zum Krankenhaus gefahren. Zum Glück sei es keine Gehirnerschütterung gewesen. Diese Aggressivität von Lukas müsse aufhören. Da sie berichtete, in der Schule sei Lukas „das liebste Kind“, vermutete ich, dass die Lösung vielleicht nicht bei Lukas allein liege und wollte eine Familiensitzung vereinbaren. Frau Golan aber meinte, die Kinder würden in ihrer Abwesenheit freier berichten.
So kamen zum nächsten Termin die beiden Kinder allein. Zunächst musste ich Lukas zur Mitarbeit gewinnen. Er hatte offenbar ein sehr schlechtes Gewissen. Linn sagte so etwas, wie: „Lukas meint, Mama habe ihn nicht lieb.“ Nachdem wir darüber ein wenig gesprochen hatten, ließen sich die Kinder darauf ein, über besagten Streit zu sprechen und ihn mit einem Spielgespräch zu zeigen.
Lukas klebt mit Tape den Grundriss der beiden Kinderzimmer auf. Er wählt eine Figur für sich und eine für Linn und stellt sie in ihr jeweiliges Zimmer. Er nimmt LUKAS (Wenn die Figur gemeint ist, wird der Name in Versalien geschrieben.) in die Hand und geht in Linns Zimmer. Diese bastelt gerade etwas, das er mit etwas Tape andeutet. Sie bittet ihn, gerade nicht zu stören, aber er geht hinein und will das Gebastelte sehen. Linn fällt ein: „Ganz hässlich ausgelacht hat er mich!“ „Na ja, und dann“, fährt Lukas unbeirrt fort, „hat sie den Kleber genommen und mir damit auf meine Hand gedrückt. Ganz viel Kleber! Ich habe mich dann beschwert, dann hat sie versucht, mich rauszuschieben.“ Er zeigt es mit den Figuren. „Bis zur Tür hat sie es geschafft. Dann habe ich mich nicht rausschieben lassen und da ist ihr die Tür an den Kopf gekommen.“

Linn bestätigt diese Darstellung im Wesentlichen, betont jedoch Lukas’ Auslachen mehr. Auch in ihrer Version ist die Tür, die sie an den Kopf bekommt, keine Absicht von Lukas, sondern eher ein Unfall. „Nur Mama, die schimpft dann immer so mit Lukas.“

Bis hierher handelt es sich ausschließlich um eine Visualisierung. Die Kinder haben gezeigt, was sie erlebt haben. Man könnte jetzt mit den Kindern überlegen, wie sie einen solchen Streit anders lösen können. Dafür bietet das Spielgespräch vielfältige Möglichkeiten: Man könnte fragen, was die beiden tun könnten, damit es später keine Tür am Kopf gebe, man könnte sich zeigen lassen, was die Mutter hätte machen können, man könnte mit Gefühlsfiguren sich zeigen lassen, wie es den beiden ging, warum sie diese konstruktiven Lösungen nicht durchgeführt haben etc.
Mir schien aber neben dem Streit der Kinder die Bewertung der Mutter bedeutsam. Die Tür am Kopf machte der Mutter große Angst, für beide Kinder war das kaum der Rede wert. Die Kinder waren einverstanden, dass ich ihrer Mutter von unserem Gespräch erzählte.
Ich erklärte Frau Golan im nächsten Termin, dass mir die Kinder ihren Streit gezeigt hätten, und bat sie, mir den Streit aus ihrer Sicht zu zeigen. Dazu reichte ich ihr die Figuren, die Lukas ausgewählt hatte. Bei ihr beginnt der Streit als ihre Tochter auf dem Boden liegt, von der Tür getroffen. FRAU GOLAN kommt im Flur angerannt und kümmert sich augenblicklich um LINN. Ich unterbreche und frage, was denn vorher passiert sei. Sie berichtet, dass sie Linn habe schreien hören, Lukas solle endlich gehen. Da sei sie eben gekommen. Ich bitte sie, den Streit aus ihrer Fantasie nachzuspielen. Sie zeigt, wie LUKAS in LINNs Zimmer geht und LINN dort knufft. LINN bittet LUKAS freundlich zu gehen, doch er geht nicht und knufft weiter. Dann schreit LINN, er solle gehen, woraufhin er sie zur Tür zerrt und ihr die Tür dann vor den Kopf schlägt. Frau Golan schaut mich fragend an: „So in etwa?“
Ich zeige ihr, wie Linn die Situation gezeigt hat. Frau Golan ist sehr überrascht.
Im weiteren Verlauf der Beratung wird ihr deutlich, dass ihr Bild von Lukas zu einem „Vorurteil“, wie sie es nennt, verzerrt und ihm nicht mehr gerecht wurde. Langsam verändert sie ihr Bild und ihr Verhalten, wenn sich die beiden streiten. Zu weiteren Verletzungen ist es zum Glück nicht gekommen.

Literaturhinweise

Reiners, B. (2019). Kinderorientierte Familientherapie. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
Reiners, B. (2025). Das Spielgespräch. Visualisieren, kommunizieren, begleiten. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
Soltvedt, M. (2005). BOF. Barnorienterad Familjeterapi. Falun/Schweden: Mareld.

Referent:in

Bernd Reiners
Dipl. Psychologe Fachpsychologe für klinische Psychologie und Psychotherapie (BDP), Paar-, Familien- und Lehrtherapeut für systemische Therapie (DGSF), Supervisor (DGSv, DGSF), Lehrsupervisor (DGSv)

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